CHRISTOPHORUS BÄRENHÄUTER

"... Die kurze Skizze "Christophorus Bärenhäuter", welche dem zweiten Bande der "Transatlantischen Reisebilder" beigegeben und nie wieder gedruckt wurde, ist den Lesern von Sealsfield nicht allgemein bekannt. Sie ist eine der ersten Versuche des Dichters, und verspottet die frühsten deutschen und irischen Ansiedler in einer drolligen, humoristischen Weise, in dem Stil der "Knickerbocker History of New-York", von Washington Irving gehalten.
Christophorus, ein dummer aber gutmütiger pennsylvanischer Bauernjunge tritt die aus fruchtbaren Feldern bestehende Hinterlassenschaft seines Vaters an. Wie prachtvoll und wohlgenährt sie aussehen, verglichen mit den vernachlässigten Ländereien seiner trägen irischen Nachbarn. Alle die verständigen heiratsfähigen Mädchen sind nicht unempfindlich dafür, auch Jemima nicht, die muntere Tochter der O'Doughertys. In einer sogenannten "Frolic" bei der die Nachbarn zusammenkommen, um das Welschkorn seine Hülsen zu entledigen, kommt sie durch Zufall oder Absicht an die Seite des reichen Toffel, wie er allgemein genannt wird, zu sitzen. Aber die zarten Aufmerksamkeiten, mit denen das gutherzige Mädchen seinen dickfelligen Gefährten überschüttet, werden von diesem gar nicht bemerkt, bis beide jungen Leute auf einmal einen roten Kornkolben dem Korbe entnehmen. Aber selbst das wäre dem ehrlichen Toffel entgangen, hätte nicht Jemima in ihrem Schrecken so laut aufgeschrieen dass die ganze Gesellschaft aufmerksam wurde und das Ereignis mit der vollen Kraft ihrer fünfzig Stimmen verkündigte. Toffel, einmal aus seinem Gleichmut aufgeweckt, ist jedem Vorfall gewachsen, und wohl wissend, was die Mitwelt von ihm erwartet, bricht er sich durch die, um sein scheues, errötendes Opfer gescharte Menge männlich Bahn, und drückt mit seinem umfangreichen Munde einen schmatzenden Kuss auf des Mädchens schmollende Lippen. Das entgültige Resultat dieses Kusses ist seine Hochzeit mit der schlauen, kleinen Jemima, zum grössten Kummer der deutschen sowohl als der irischen Bevölkerung, welche beiderseits wütend sind, dass jemand aus ihren Kreisen sich durch solche Heirat erniedrige.
Jemima war nun die Herrin von viel besseren Feldern als sie in ihrer Jugend gewöhnt war. Sie regierte ihren Mann unumschränkt, der so gutmütig "wie ein Hippopotamus" war. Sie zwang in sogar, das grosse graue Pferd, das er einst so stolz zur Kirche und den Gebetversammlungen geritten hatte, abzugeben. Nun trug es die Frau und Toffel musste zufrieden sein auf dem kleinen Pony neben ihr her zu traben.
Aber Stolz kommt zu Fall, und eines Tages geschah es, dass das grosse Tier mit ihr durchging und auffallenderweise war sie, ehe Toffel ihr zu Hilfe eilen konnte, verschwunden, obgleich das Pferd späterhin aufgefunden wurde. Es lag klar auf der Hand, dass sie von Indianern geraubt worden war, und der entsetzte Gatte machte sich sogleich mit vielen Nachbarn zur Verfolgung auf, aber ihre wiederholten Versuche, die Spur der Verlorenen zu finden blieben erfolglos. Mittlerweile war die unglückliche Jemima eine tonangebende Person in einem Indianer-Dorfe, weit weg an den Ufern des Miami Flusses, geworden. Sie hatte das Lager halb zivilisiert und obgleich sie von allen geliebt wurde, hatte sie doch grosses Verlangen nach ihrem gutmütigen Toffel und seinen fetten Feldern.
Fünf Jahre waren so verflossen und sie stand nun nicht mehr im Verdacht Fluchtgedanken zu hegen. Aber Jemimas Pläne waren wohl überlegt, und als die Krieger wieder einmal ihren Winterjagdzug begonnen, vollbrachte sie die Flucht. Sie machte sich zu Fuss auf den Weg, bis sie nach vierwöchentlicher, mühseliger Wanderung ihre alte Heimat in Toffelsville am Alleghany Fluss erreichte. Toffel jedoch, dem stetigen Drängen seiner Verwandten nachgebend, hatte mittlerweile eine andere Frau von deutscher Abkunft genommen, in dem festen Glauben, dass Jemima nie wiederkehren würde. Als nun die erste Frau doch wirklich wieder kam, wurde die Sachlage im höchsten Grade verwickelt. Toffel, der sowohl beide Frauen wie auch Gerechtigkeit liebte, war dafür, den Fall vor einen höheren Richterstuhl zu bringen, aber Jemima, die bitterlich enttäuscht und gekränkt war, weil ihr eigenes Kind sie nicht wieder erkannte, überliess, kurz entschlossen, ihrer deutschen Rivalin das Schlachtfeld und kehrte zu Fuss, wie sie gekommen, nach dem Indianer Dorfe zurück. Hier nahm sie endlich die oft zurückgewiesene Hand des Häuptlings "Tomahawk" an, den sie bald so vollständig tyrannisierte wie zuvor den Toffel; sie zwang ihn sogar zum pflügen und er musste arbeiten wie ein Mann der Kultur. Als ihre Ländereien dem Staat einverleibt wurden, sicherte sie sich ihre Ansprüche und wurde dadurch wohlhabender als alle anderen Grenzansiedler in dieser Gegend. Ihre Familie bestand hauptsächlich aus rotbraunen Söhnen, die jedoch, gleich ihrem Vater, dem grossen Häuptling Tomahawk, nicht nach indianischen, sondern nach Grundsätzen der Yankees erzogen, und alle gute Bürger der Vereinigten Staaten wurden.
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Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.