DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN WAHLVERWANDTSCHAFTEN

"... Die Erzählung beginnt am Züricher See in der Schweiz. Rambleton, ein reicher junger Amerikaner, der von der Dame seiner Wahl abgewiesen worden war, versucht diese auf einer europäischen Reise zu vergessen. Während er auf dem Züricher See herumsegelt, trifft er eine Gesellschaft von Deutschen, denen er sein Boot anbietet, sich ihnen jedoch nur widerstrebend anschliesst. In Erwiderung seiner Gefälligkeit wird er in das Haus seiner Bekannten eingeladen, die sich als Leute von Rang, Baron Schochstein und Familie, vorstellen. Luitgarde, ein bescheidenes und warmherziges Mädchen, hat den nachdenklichen jungen Amerikaner mehr gefesselt, als er selbst bemerkte, denn nachdem er sich von seiner angenehmen Umgebung losgerissen hat, fühlt er erst, dass er rettungslos in das deutsche Mädchen verliebt ist. Briefe, die Rambleton von zu Hause erhält, veranlassen seine schleunige Rückkehr. Baron Schorchstein, der viel Geld in den Vereinigten Staaten angelegt hat und gleichfalls Nachricht von der finanziellen Krisis erhält, schickt seinen Sohn Wilhelm hinüber, um seine Interessen wahrzunehmen. Rambleton ist mittlerweile von Havre abgesegelt und seine Überfahrt giebt dem Dichter Gelegenheit zu einer ausgezeichneten Beschreibung eines Seesturmes mit allen seinen Schrecken. Wilhelm v. Schochstein, der Havre nicht rechtzeitig erreichte, um in demselben Boot mit Rambleton die Ozeanreise zu machen, nimmt das nächste, welches ihn zufällig noch früher nach New-York bringt. Die Freunde treffen sich im New-Yorker Hafen, da Schochstein, ungeduldig, Rambleton zu sehen, ihm in einem Boot entgegengefahren ist. Bei ihrer Landung sehen sie im Vorübergehen Dougaldine, die Heldin des Romans. Der Deutsche, der keine Ahnung davon hat, dass sie seines Freundes verlorene Liebe ist, spricht seine Bewunderung für ihre grosse Schönheit offen aus. Rambleton verlässt ihn daraufhin ganz plötzlich, indem er ihm Glück in Herzensangelegenheiten wünscht. Der junge deutsche Baron, der die wohlbekannte Firma Schorchstein & Co. vertritt, wird überall gut aufgenommen und geniesst auch die Gastfreundschaft des alten Ramble, dessen Tochter Dougaldine ein Stern der New-Yorker Gesellschaft ist. Als unsere reizende Schöne dem anziehenden Fremdling vorgestellt wird, empfindet sie zum erstenmal in ihrem Leben die Macht der Liebe. Alle ihre zahlreichen Liebeleien waren beim Anblick des lockenköpfigen Deutschen aus ihrem Gedächtnisse ausgelöscht und hatten einer plötzlichen, tiefen Zuneigung für denselben Platz gemacht. Sie weist nun die Aufmerksamkeiten ihres Vetters Erwin Dish, der sie, auf ihre Verwandtschaft pochend, mit seiner Gegenwart belästigt, so oft er will, energisch zurück. Welch ein Gegensatz - dieser New-Yorker Dandy, dessen skeptischer Geist sich nicht über Wuchergeschäfte und luxuriöse Diners zu erheben vermag, verglichen mit diesem makellosen jungen Edelmann, dessen aristokratische Haltung niemals erkünstelt ist. Doch ist Erwin nicht zu verachten, er ist der Löwe der New-Yorker Hautevolée, eine Autorität in Modesachen, über allen Zweifel mustergültig, was Kleidung anbelangt, und sehr korrekt in seinem Benehmen. Er steht hoch in der Achtung seines Onkels Ramble, denn dieser hat keinen anderen jungen Mann zur Verfügung, der in einem Jahr 50 000 Dollars aus nichts machen kann. Seidem Erwin in den geheimnisvollen Kreis, dessen Beschäftigung in der Einhandlung von Wechseln zu hohem Diskonto und im Wucher bestand, aufgenommen war, hatten sich seine Talente rasch Geltung verschafft, er wurde einflussreich und als einer der besten Kandidaten im Heiratsmarkt betrachtet. Ohne sich aufzulehnen oder ein Wort von Liebe fallen zu lassen, war er bei allen Festlichkeiten des vorhergehenden Winters der treue Sklave seiner schönen Kousine gewesen. Niemand konte sagen, dass Mr. Dish nicht ein mutiger junger Mann sei, denn er war aus zwei Duellen, die er um Dougaldines willen ausgefochten hatte, als Sieger hervorgegangen. In der letzten Zeit waren Erwins Besuche häufiger und seine Unterhaltung persönlicher geworden, obgleich ihn Dougaldine nicht ermutigte, fiel es ihr doch ebensowenig ein, ihn zu vermeiden. In New-York war jedermann überzeugt, dass sie ihren Vetter heiraten würde und Erwin hatte sogar schon Vorbereitungen für dieses Ereignis getroffen. Er hatte mit dem alten Ramble gesprochen, der wohl zufrieden war, vorausgesetzt, dass seine Tochter ihre Einwilligung gebe. Erwin Dish ist nicht der Mann, der mit sich spielen lässt. Als er bemerkt, dass ihn seine Kousine zu demselben Schicksal verurteilen will, wie seine Vorgänger, beschliesst er, sie zur Heirat zu zwingen.
Demgemäss fasst er seine Pläne. Die günstige Gelegenheit wahrnehmend, zu der Zeit, in welcher das Geld sehr schwer zu haben ist, gerade vor dem grossen Finanzkrach im Jahre 1836, präsentiert Erwin seinem Onkel einen Schuldschein von 20 000 Dollars, da er gut genug weiss, dass dieser ihn nicht in der fälligen Frist einlösen kann. Ramble, der gutmütig des jungen Finanzmannes Streich belächelt, hat keine Ahnung, wie gefährlich seine Lage ist. Er verlässt New-York, um in Acreshouse am Hudson, der Besitzung seines Bruders, sich eine kurze Ruhepause zu gönnen. Dougaldinens Warnung, die Stadt nicht zu verlassen, schenkt er kein Gehör, und sie begleitet ihren Vater.
Die Erzählung geht nun um mehrere Generationen zurück und macht uns mit der Familiengeschichte der Rambles und Rambletons bekannt Ursprünglich eine Familie, gehörten sie zu den ersten holländischen Kolonisten in Neu-Amsterdam. Diese alten Rambles waren streitlustige Gesellen, die mehr als eine Expedition gegen die Indianer leiteten und endlich eine Gesellschaft Yankee-Ansiedler von den Ufern des Hudson vertrieben. Für diese Heldenthat wurden sie mit der verlassenen Ansiedlung belohnt, die zu der Zeit jedoch nicht mehr wert war als die zurückgelassenen Schweineställe, aber jetzt eine der wertvollsten Besitzungen am ganzen Hudson geworden war. Die Familie Ramble teilte sich bald in verschiedene Zweige, wovon der eine am Hudson verblieb, mehr die alten Familienüberlieferungen beibehielt und zu Macht und Reichtum gelangte, während der nach New-York verpflanzte nicht in derselben erfolgreichen Weise weiter gedieh, wie die fleissigen farmer am Hudson. Brom IV. in New-York, der nichts von seinem verschwenderischen Vater ererbte, war jedoch bestimmt, seinen Familienzweig wieder zu Ansehen zu bringen. Nach einer erfolgreichen Laufbahn als Schenkwirt heiratete er eine Tochter von Mrs. Dish und gewann so Zutritt zu der Gesellschaft. Da er jedoch nichts auf die feine Welt gab, war er nur darauf bedacht, dass seine Tochter Dougaldine um jeden Preis darin glänzen sollte. Die Familie in Acreshouse hatte sich Rambleton genannt, erstens um ihre Verwandschaft mit den Tonners zu zeigen und zweitens, um sich von ihren armen Verwandten in New-York zu unterscheiden. Aber seitdem die beiden Zweige der Familie Ursache hatten, aufeinander stolz zu sein, waren sie willig, den Streit ruhen zu lassen, und so kam bald eine Aussöhnung zu stande. Dougaldine verlebte einen grossen Teil ihrer Kindheit mit ihrem Vetter Rambleton in Acreshouse, und die Eltern hofften, dass die Gespielen eines Tages Mann und Weib werden würden. Der junge Rambleton besuchte Yale College und Dougaldine kam in ein feines Mädchen-Pensionat. Erwin Dish begleitete seinen Vetter nach Yale und half ihm sein Geld durchzubringen, da er aber keine Lust zum Studieren hatte, blieb er nicht lange dort.
Nach sieben Jahren, als Rambleton seine Ferien am Lake George verbrachte, traf er mit Dougaldine zusammen, sie erkannten sich jedoch gegenseitig nicht, trotzdem sie eine Liebelei anfingen, die ernste Folgen haben sollte. Sie sahen sich dann später in Saratoga unter sehr unangenehmen Umständen wieder. Erwin, der Löwe unter den Stutzern, hatte sich der Aufgabe, Harry in seine Künste einzuweihen, unterzogen, aber als sie nach einer langen Fahrt in der Sonnenhitze in Saratoga ankamen, betrat Harry, mehr seinem hungrigen Magen, als dem Gebot seines Lehrers folgend, den Speisesaal in Congress Hall mit verbranntem Gesicht und bestaubtem, vermnachlässigten Anzuge. Er war gerade im Begriff, sich zu beglückwünschen, dass er unerkannt aus dieser Prüfung hervorgehe, als er zu seinem grössten Schrecken die Flügelthür gerade vor ihm aufging und seine reizende Bekanntschaft vom Lake George in Begleitung Erwin Dishs eintrat. Harry, der nicht entdeckt sein wollte, verliess den saal so schnell als möglich, aber Dougaldine erkannte ihn von weitem, zwar nicht als ihren feinen Kavalier vom letzten Sommer, doch als Harry Rambleton, den sonnverbrannten, hochmütigen Knaben von Acreshouse, der ihr immer die Vogeleier weggenommen hatte.
Erwin, der sich den Anschein gab, als wolle er alles ins rechte Geleise bringen, denkt sich nun einen Plan aus, um Dougaldine, Die Königin von Saratogas Schönheitskongress, einen Possen zu spielen. Harry wird durch den Gebrauch von Erwins kosmetischen Mitteln und genialen Lehren ganz umgewandelt. Auf dem grossen Ball am nächsten Abend wird er als Mr. Digby von Digbybell, als Angehöriger einer alten Familie in Virginien, vorgestellt und verfehlt nicht, auf die gefeierte Schönheit einen guten Eindruck zu machen. Sie erkennt in ihm ihren unbekannten Anbeter vom Lake George und nimmt bald seinen Antrag an. Der alte Ramble hält die Sache für einen köstlichen Spass, empfängt Harry mit offenen Armen und beglückwünscht Erwin zu seinem diplomatischen Handeln, welches dieser im stillen jedoch tief bedauert. Harry richtet verschiedene Briefe an seine Verlobte und versucht den Weg zu einer Aufklärung anzubahnen, aber Dougaldine will gar nicht aufgeklärt sein. Ein Hauptgrund, dass sie Digbys Werbung angenommen hat, ist der, dass sie sich dadurch von ihrem Vetter Harry und den lästigen Tanten und Pnkels befreien will.
Harry hält es deshalb für das klügste, seinen Ratgebern zu folgen und seine Identität mit Digby nicht einzugestehen. Nur Harrys Eltern wollen nicht bei dem Betrug mithelfen. Die Hochzeitsvorbereitungen werden jedoch getroffen und die New-Yorker Zeitungen sind mit Berichten über den wunderbaren Trousseau der gefeierten Schönheit gefüllt.
Einige Freunde der Braut, die in das Geheimnis eingeweiht sind, versuchen sie zu überzeugen, dass Rambleton eine bessere Partie sei als der unbekannte Virginier, aber Dougaldine will nichts davon hören, und Harry, dessen Mut geringer ist als seine Liebe, verliert die letzte Gelegenheit, seine Sünde zu beichten.
Es wird Dougaldine nicht gesagt, dass die Hochzeit in Acreshouse gefeiert werden soll, weil sie sonst Verdacht schöpfen und nicht in die Falle gehen werde. Als das Boot, welches sie von New-York nach Acrehouse bringt, dort anlangt, wird sie mit Kanonenschüssen empfangen und beim Anblick der vielen versammelten Gäste dämmert ihr zuerst eine Ahnung der Wahrheit. Als sie landet, verraten ihr Onkel und Tante Rambleton sogleich den schändlichen Betrug, der ihr gespielt worden ist. Harry nimmt die ganze Schuld auf sich und fleht um Verzeihung. Sogar seine eigenen schwer gekränkten Eltern werden durch seine Verzweiflung gerührt. Der alte Ramble und einige Verwndte, denen alles daran liegt, die Verbindung der beiden einflussreichen und wohlhabenden Familienzweige zu stande zu bringen, bitten Dougaldine, nachzugeben. Aber die Königin der Schönheit, obgleich sie, wie die Geschichte später beweist, verzeihen kann, bleibt sich selbst getreu. Aufs tiefste verletzt durch die habsüchtigen Wünsche ihres Vaters und der Verwandten, nimmt sie einen günstigen Augenblick wahr, ehe die Ceremonie stattfinden soll, entflieht aus der festlichen Umgebung und geht mit dem nächsten Boot nach New-York zurück. Sie wird von ihrer Gesellschafterin und ihrem Vetter Erwin, der beinder ganzen Geschichte die Rolle des Jago gespielt hat, begleitet, und nun probiert der letztere, den armen Harry bei seiner Verlobten anzuschwärzen und sich in ihrer Gunst festzusetzen. Harry Rambleton geht mit gebrochenem Herzen nach Europa, ohne von jemand Abschied zu nehmen. Dougaldine und Erwin machen sich wieder zu Anführern der Gesellschaft in New-York und ihre weitere Lebensgeschichte ist bereits bis zur Ankunft Wilhelm von Schochsteins mitgeteilt.
In der gefährlichen Situation, in welcher sich unsere Heldin ihrem Vetter Erwin gegenüber befindet, verlangt sie nun sehr, ihre Tante Rambleton, deren guten Willen und Rat sie höher als irgend einer anderen Person stellt, zu sehen. Als sie mit ihrem Vater in Acreshouse, das vor neun Monaten ein Ideal an Ordnung und Wohlhabenheit gewesen, anlangt, findet sie das Gut in schrecklich vernachlässigtem Zustand. Die grossen Felder sind nicht gepflügt, die Zäune nicht ausgebessert worden, der botanische Garten ist ein Tummelplatz der Hühner und Schweine und die alte Turmuhr, "die Amsterdam", steht zum ersten Male in diesem Jahrhundert still. Onkel und Tante haben sich ganz der Verzweiflung hingegeben wegen dem vermeintlichen Verlust ihres Sohnes Harry. Dougaldine sieht nun die Grösse des Unglücks ein, das sie über ihre gütigen Verwandten gebracht hat, und sie nimmt sich vor, dem alten Stammsitz Glück und Frieden wieder zu geben, welches Opfer sie auch zu bringen habe. Obgleich sie den melancholischen Jüngling Harry ebensowenig liebt wie ihren anderen Vetter, den Löwen der Gesellschaft, so sagt sie doch ihrer Tante, dass sie bereit sei, den ersteren zu heiraten. Diese Erklärung trifft mit der Nachricht zusammen, die Onkel und Tante erhalten, dass ihr Sohn Harry wieder in New-York erschienen sei und zwar in Begleitung Wilhelm von Schochsteins, eines deutschen Barons. Diese frohe Botschaft rüttelt die Alten aus ihrer Unthätigkeit auf; die Taglöhner und trägen Neger werden wieder zur Arbeit angehalten und die alte "Amsterdam" verkündigt wie zuvor die Tagesstunden. Rambleton und Schochstein bleiben augenscheinlich eine Weile in New-York, wenn auch nicht zusammen. Der Deutsche wird in die beste Gesellschaft eingeführt und bemüht sich, auch etwas übner amerikanische Politik zu erfahren, er tut dies, indem er Massenversammlungen und "Primaries" besucht, wo er aber oft teuer für seine Erfahrung bezahlen muss. Dougaldine liegt unterdessen am Fieber erkrankt zu Acreshouse und während ihres Deliriums warnt sie ihre Onkels vor Erwin Dish; sie scheint in grossen Sorgen über einen Schuldschein zu sein, den Erwin ihrem Vater zu augeblicklicher Einlösung vorgelegt hat. Onkel Natty, den sie beschwört, die sache ernsthaft zu nehmen, eilt nach New-York, um sich Gewissheit über die Lage der Dinge zu verschaffen. Der Roman bricht hier unglücklicherweise ab und nirgends wird ein Schluß angedeutet.
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Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.