DIE GRABESSCHULD

"... Ein nachgelassenes Werk von Sealsfield, das erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde, muss noch erwähnt werden. Der Titel "Die Grabesschuld" stammt von Alfred Meissner, dem das beinahe unleserliche Manuskript von dem Bruder des Dichters, Joseph Postl, zur Veröffentlichung übergeben wurde. Es ist eine eigentümliche Gespenstergeschichte, voll von seltsamem Humor, die Skizze ist wohl als ein satirischer Ausfall gegen die deutschen romantischen Gespenstergeschichten seiner Zeit zu betrachten.
Mr. Spawn in New-York, als er eines Abends aus dem Geschäft nach Hause kommt, findet sein Wohnzimmer auf ungewöhnliche Weise erleuchtet. Zu seiner Überraschung und Verwunderung findet er einen unheimlichen Fremden gemütlich bei seinem lodernden Kaminfeuer sitzend und Tabaksjauche auf seine kostbaren Fussdecken und prachtvoll gearbeiteten Möbelstücke spritzend. Grabesduft umgiebt das Gespenst und seine hohle Geisterstimme spricht mit dem Humor eines Totengräbers. Er befiehlt seinem zitternden Wirt, ihm gleich eine Flasche Whiskey zu bringen und nachdem er einige Gläser voll davon hinuntergestürzt hat, überwindet er sein Grabesfrösteln genügsam, um sein Erscheinen zu erklären.
"Ich bin jetzt," so begann er, "ein Bewohner von Elysium. Als ich vor vielen Jahren nach meinem Tode dort ankam, suchte ich sogleich ihren Grossvater, Ebenezer Spawn, dort auf, der mein Waffengefährte in dem Unabhängigkeitskrieg war. Aber nirgends konnte ich ihn finden und hörte endlich, dass er noch im Grabe liege, weil er eine Summe, die er Jeremia Cobb, das bin ich selbst, schuldete, nicht bezahlt hatte." Diese Schuld war das Resultat einer Wette, ob nämlich eine gewisse Erscheinung, die sie beide bei ihrer letzten gemeinschaftlichen Heldenthat erschreckt hatte, ein Gespenst gewesen oder nicht. Dieses konnte natürlich erst entschieden werden, nachdem beide Parteien mit Tod abgegangen waren, da wurde denn klar bewiesen, dass Ebenezer Spawn gelogen hatte, als er behauptete, die vorhergenannte Erscheinung sei kein Gespenst gewesen. Der Schatten von Jeremia Cobb käme deshalb, aus Mitgefühl für seinen alten Gefährten, um das Geld, zehn Dollars drei Shilling und sechs Pence, einzukassieren, und er käme gerade jetzt, weil Amaziah Spawn in letzter Zeit so grossen Erfolg im Geschäft gehabt hätte; sobald die Schuld bezahlt sei, könne der Grossvater das düstere Grab verlassen und stolz in den Gefilden der Seligen mit den anderen Helden der Revolution lustwandeln. Dieser Mahnung an die Grossmut des Enkels wurde gern Folge geleistet und der Geist, nachdem er das Geld sorgfältig gezählt und noch einige Gläser Whiskey geleert hatte - Geister essen nicht - fasste endlich Mut zu seiner langen Wanderung durch den Tartarus nach Elysium. Auf seinem Wege jedoch fiel er beinahe über Mrs. Spawn und andere Mitglieder des Hauses, sie fast zu Tode erschreckend. Die Skizze blieb unvollständig; eine Fortführung derselben hätte wahrscheinlich die haushälterischen Gewohnheiten der Väter unseres Landes mit der Verschwendung ihrer Nachkommen verglichen, denn der Geist verspricht, eines Tages wiederzukommen um mit Amaziah über das luxuriöse Leben des jungen New-York seine Meinung zu tauschen.
..."

Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.