DAS CAJÜTENBUCH ODER NATIONALE CHARAKTERISTIKEN

"... Das Kajütenbuch verdeutlicht in besonderem Maße Sealsfields Weg vom skizzenhaften, lose verbundenen Darstellen zum nationalen oder höheren Volksroman. In seinem Hauptwerk kam es ihm vor allem darauf an, den Charakter einer ganzen Nation an einigen hervorragenden Vertretern zu zeigen; dabei legitimiert sich die Bezeichnung »Roman« hauptsächlich durch den die einzelnen Novellen bindenden Schluß und die Überwölbung duzrch den Erzähler Morse, während Sealsfield selbst nie von einem Roman gesprochen hat. ..."

Klaus W. Pietrek:
Charles Sealsfield (in) Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur. 3. Ergänzungslieferung. November 1989.- Meitingen: Corian-Verlag. 1988 ff.

"... Dieses Buch befasst sich mit der Revolution von Texas gegen Mexiko im Jahre 1835; es enthält auch einige Episoden aus dem Unabhängigkeitskrieg der südamerikanischen Staaten, und eine meisterhafte Beschreibung der St. Jacinto-Prairie, welche als Sealsfields beste litterarische Leistung betrachtet wird. Der religiöse und Ehrfurcht erweckende Einfluss der Natur; ein Lieblinsthema des Dichters, ist in dem Kajütenbuch durch die Erzählung von Bob, dem Mörder, dargestellt, welcher in der schrecklichen Einöde der texanischen Prairie von seinem erwachten Gewissen gepeinigt wird.
Der Plan des Kajütenbuches ist in kurzen Umrissen folgender: Eine grosse Gesellschaft war in Kapitän Murkys Haus, das "die Kajüte" genannt wurde, weil es in der Form eines Schiffes gebaut war, zum Mittagessen zusammengekommen. Die Versammlung bestand aus Offizieren, Bankiers und Pflanzern vom Mississippi, welche an demselben Tage in dem nur einige Meilen entfernten Natchez den Pferderennen beigewohnt hatten und welche, auf des Kapitäns wohlbekannte Gastfreundschaft bauend, die "Kajüte" als bequemen Zufluchtsort nach dem Sport erkoren hatten. Nachdem die Tagesneuigkeiten besprochen und die Preise von Baumwolle und Negern abgehandelt waren, wurde die Unterhaltung erst recht animiert, als sie auf den texanischen Unabhängigkeits-Krieg gegen Mexiko kam, der, 1835 beendet, noch frisch in jedermanns Gedächtnis war.
Col. Cracker, ein anmassender, heissblütiger Vertreter der Soldateska Louisianas, machte die unvorsichtige Bemerkung, dass die Bevölkerung von Texas aus Pöbel und verdächtigen Charakteren bestehe. Diese Äusserung fand bei denen Beifall, deren Baumwoll-Interessen durch Texas gefährdet wurden, bis plötzlich einer aus der Gesellschaft, Col. Morse, sich erhob und Col. Cracker aufforderte, seine Aussage zurückzunehmen. Mit Mühe wurde ein Streit verhindert; als sich aber die Gemüter wieder beruhigt hatten, wurde Col. Morse ersucht, zu erzählen, wie er, ein Maryländer aus guter Familie, dazu gekommen sei, nach Texas auszuwandern und dort hervorragenden Anteil an dem Kampfe zu nehmen. Er kam der Aufforderung nach und erzählte folgendermassen:
Durch eine Anerbietung der Texas Land Companie verlockt, hatte er 1000 Dollar für eine grosse Strecke Landes dort bezahlt, wofür er aber nie einen Rechtstitel erhielt, bis er sich denselben später im Kriege erkämpft hatte. Auf einer Reise, die er unternahm, sich das Land auszusuchen, jagte er einst einem durchgegangenen Mustang nach und verirrte sich dabei in der grossen St. Jacinto-Prairie, deren Beschreibung durch Sealsfield mit Recht so berühmt ist. Der junge Morse reitet vier Tage ohne einen Bissen zu geniessen, in diesem endlosen Pflanzenmeer umher und seine fieberhaft erhitzte Einbildungskraft zaubert ihm mystische Erscheinungen vor, (die an den "Zauberwald" in Fouques Undine, einem Werk der romantischen Schule, erinnern). Wie belebt sich seine Hoffnung, als er auf die frische Spur eines Reitpferdes stösst und wie wird er in dieser Hoffnung bestärkt, als er bald darauf eine zweite Spur neben der ersten bemerkt. Wie feuert er sein Ross zu erneuter Schnelligkeit an, die Reiter einzuholen, um, ach nur zu bald, vollständiger Verzweiflung zu verfallen. Er macht nämlich die Entdeckung, dass er drei Tage im Kreise herumgeritten und seiner eigenen Spur gefolgt ist! Zu schwach, um die Zügel noch führen zu können, und kaum fähig, sich im Sattel zu erhalten, schlägt sein Mustang, der sich selbst überlassen bleibt und vom Durst geplagt wird, instinktiv den Weg nach dem nächsten Strome ein und im Eifer, ihn rasch zu erreichen, wirft er seinen Reiter kopfüber in den St. Jacinto-Fluss. Morse wird von Bob, einem notorischen Mörder, gerettet, der erst kürzlich einen Mann ganz nahe an diesem Orte kaltblütig niedergeschossen und ihn unter dem Patriarchen, einem riesigen, weithin sichtbaren Baume, begraben hat. Des Ermordeten letzter Ausruf, ausgestossen in dieser Ehrfurcht gebietenden Natur, hat Bobs Gewissen wachgerufen, und er findet sich unwiderstehlich in die Nähe des Patriarchen, der ihm wie eine rächende Gottheit erscheint, gezogen. Er giebt sich der Idee hin, dass, wenn er den jungen Morse vom Tode errettet, ihm der verfolgende Geist des ermordeten Mannes Ruhe lassen würde. Deshalb giebt er sich die grösste Mühe, das rasch entfliehende Leben des jungen Mannes zu erhalten. Er bringt ihn zu der Hütte des schurkischen Johnny, wo eine Mulattin den Verhungernden sorgfältig wieder so weit zu Kraft bringt, dass er im stande ist, Bob nach dem Alkalde, einem Amerikaner, der mexikanischer Richter in diesem Gebiete ist, zu begleiten. Bobs Wunsch ist, gehängt zu werden, um von dem Geist des Ermordeten gänzlich befreit zu sein, und seine Reue, die am nächsten Tag in der Beichte, die er dem Alkalden und in einer interessanten Hinterwalds-Gerichtsverhandlung ablegt, zu Tage tritt, ist herzzerreissend. Als sich der Alkalde und Morse allein befinden, spricht der erstere seine Meinung aus, dass Recht und Gerechtigkeit in diesem Falle, speziell für Texas, nicht zur Anwendung kommen sollte. Er ist der Meinung, dass in einem neu der Kultur erschlossenen Lande Männer wie Bob zu wertvoll seien, um einfach aus der Welt geschafft zu werden. Desperate Charaktere, sagt er, Abenteurer sind notwendig, solche, wie es die Normannen waren, als sie England eroberten. Die Normannen (der Alkalde benutzt die Normannen immer als Beispiel, um seine Meinung klarzumachen) waren nicht besser wie Bob, als sie den Grund zu dem grössten Königreich der Welt legten, und wären die Abkömmlinge der Normannen immer nur den Pfad der Tugend und Gerechtigkeit gewandelt, so wären sie jetzt gewiss nicht im Besitz der beiden Indien. Doch trotz der Parteinahme des Alkalde für Bob beschloss die Jury, dessen Wunsch zu erfüllen, und der Mörder wurde nun schleunigst nach dem "Patriarchen" gebracht, um daran aufgehängt zu werden. Alle Vorbereitungen waren getroffen und Bob hatte schon die Schlinge um den Hals, als ihn der Alkalde plötzlich festhielt, um noch eine letzte Äusserung die er noch gern rasch machen wollte, zu vernehmen. Die Mitteilung musste von grosser politischer Wichtigkeit sein, denn in wenigen Minuten waren alle Mitglieder der Jury im Galopp auseinandergestoben, um die amerikanischen Ansiedler unter Waffen zu rufen. Der Unabhängigkeitskrieg gegen Mexiko bricht nun aus. Morse tritt als Colonel in die texanische Armee und leistet seinem neuen Heimatland wichtige Dienste in der Schlacht am Salado-Fluss nahe Santa Espada und bei der Einnahme von San Antonio de Bexar. Bob ist zu einem guten Zweck gerettet, er wird ein tollkühner Soldat, der den Tod sucht, und als Kundschafter ganz unschätzbar. Der grösste Dienst, den er der texanischen Armee leistet, ist, sie zu der Schlacht gegen Santa Anna, welche den Krieg entscheidet, zu führen. Er wird in dieser Schlacht tötlich verwundet und stirbt in den Armen des Alkalden, das Gebet auf den Lippen, das so plötzlich unterbrochen wurde, als er an den "Patriarchen" gehängt werden sollte.
Die bei Kapitän Murky versammelte Gesellschaft, welche der Geschichte aufmerksam gefolgt war, gab nun die verschiedensten Urteile über die Achtungswürdigkeit eines Charakters wie Bob ab, und die Unterhaltung drohte wieder einen heftigen Charakter anzunehmen, als die Erscheinung des allgemein beliebten Bankpräsidenten den Frieden wieder herstellte. Dieser erklärte die Abwesenheit des Hausherrn, der abgefahren sei, seine Tochter Alexandrine zu empfangen, die von einer Schule in Paris nach sechsjähriger Abwesenheit zurückgekommen. Der Bankpräsident giebt auch Kapitän Murkys Lebensgeschichte zum Besten. Der letztere ist ein ehemaliger Seekapitän, der den Grund zu seinem Vermögen im Kriege der südamerikanischen Republiken gegen Spanien gelegt hatte, als er Schiffe befehligte, welche den Streitenden Vorräte zu führten. Der Kapitän wird als Yankee, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, dargestellt, im hohen Grade schweigsam, aber ritterlich und gütig gegen die Unterdrückten. Er rettete einst durch seine Geistesgegenwart und grosse Geschicklichkeit einen wohlbekannten Flüchtling, was ihm anfangs sehr in seiner professionellen Laufbahn schadete. Mehrere Jahre später hatte der südamerikanische Patriot eine Gelegenheit, dem Yankee den geleisteten Dienst zu vergelten, als dessen Schiff von Peruvianern konfisziert wurde. Der erstere, nun ein grosser General in der patriotischen Armee, verkaufte des Kapitäns Schiff und Ladung für ihn zu solchen Preisen, dass Kapitän Murky auf einmal zum reichen Manne wurde. Die Episode der Rettung des Flüchtlings im Hafen von Havana ist eine der fesselndsten kürzeren Skizzen Sealsfields.
Die Geschichte schliesst mit der sentimentalen Werbung von Colonel Morse um Kapitän Murkys Tochter Alexandrine. Er hatte sie in Paris kennen gelernt und als er hörte, dass sie nach Amerika zurückgekehrt war, folgte er ihr. Obgleich sein Onkel, der Bankpräsident, gegen die Heirat ist, gewinnt der Colonel das Herz seiner Dame wie Othello, durch seine Erzählungen von Kriegsabenteuern, und die Einwilligung zur Hochzeit wird gern von ihrem Vater, Kapitän Murky, zugegeben.
..."

Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.