DER LEGITIME UND DIE REPUBLIKANER
(TOKEAH UND DIE WEISSE ROSE)

"... Die Eröffmumgsscene ist in den nordwestlichen Teil von Georgia an den Coosa-Fluss verlegt, wo schon im Jahre 1800 einige Weisse lebten. Kapitän Copeland hatte da seine Blockhütte gebaut, pflügte sein Feld und hielt eine Schenke. Sein Handel mit den Indianern, obgleich sehr profitabel, war doch mit beständiger Gefahr für sein Leben und Eigentum verknüpft, und so hegte er den Wunsch, sich an einem anderen Orte niederzulassen, der weniger entfernt von den Wohnungen zivilisierter Menschen war. In einer stürmischen Nacht wurde er durch heftiges Klopfen an seiner Thüre aufgeschreckt und kaum hatte er geöffnet, als eine Anzahl Indianer, deren Anführer, seltsamerweise, in seinen Armen ein kleines Kind trug, eintraten. Er verlangre, dass Copelands Frau das kleine Mädchen aufziehen solle, er werde alle Unkosten mit Fellen bezahlen. Erst war der Wirt, der selbst eine ganze Reihe Kinder besaß, unwillig, diese neue Verantwortlichkeit zu übernehmen, aber die Aussicht auf eine gute Belohnung sowohl, als die Gefahr, der er sich im Verweigerungsfalle aussetzte, bestimmten ihn bald das Kind zu adoptieren. Der Fremde war Tokeah, Häuptling der Oconees, eines mächtigen Stammes der Creek-Indianer. Er hatte auch grossen Einfluss über die Moscogees, einen anderen Stamm der Creeks und über ihre Verbündeten, die Choctaws. Die Jagdgründe von Tokeahs Stamm hatten sich einst vom Oconee-Flusse in Georgia bis zum Coosa in Alabama erstreckt, und oft hatte er eine Anzahl verschiedener Stämme gegen einen gemeinsamen Feind geführt, so dass sein Name gleich dem des Tekumseh, die Herzen der Grenzansiedler mit Entsetzen erfüllte. Copeland hoffte, durch eine Anzeige in amerikanischen und mexikanischen Zeitungen über die Umstände, unter denen das Kind geraubt worden war, dessen Verwandte aufzufinden, welche ihn wohl gern von dieser Last befreien würden. Der wachsame Indianer verhinderte jedoch jeden Versuch des Kapitäns, den Verwandten Nachricht zu geben; bei einer Gelegenheit hatte er bereits vierzig Meilen auf seinem Wege nach Milledgeville, der Staatshauptstadt, zurückgelegt, als sein Pferd unter ihm erschossen und er genötigt wurde, zu Fuss nach Hause zurückzukehren.
Tokeah hatte das Kind aus den Händen der Choctaws gerettet, gerade als einer von ihnen, der eben die Mutter getötet hatte, im Begriff war, dasselbe an einen Baum su spiessen. Aus diesem Grunde betrachtete sich der Häuptling als der berechtigte Eigentümer und nach sieben Jahren kam er wieder zu Copeland und verlangte das Kind zurück. Er hatte die Absicht, eine neue Heimat für sein Volk, weit entfernt von den Blassgesichtern, zu suchen, und wollte alles, was ihm gehörte, mitnehmen. Das Kind war zu einem reizenden Mädchen mit zierlichen Händen und Füssen herangewachsen, das gänzlich ungeeignet für das rauhe Leben einer Indianerin schien. Der Missionar, der sich vergeblich der Wegnahme des weissen Kindes widersetzte, hatte sie "die weisse Rose" getauft.
Sieben weitere Jahre waren vergangen und die Oconees hatten sich auf einer Art Halbinsel, zwischen dem Sabine- und Nechezflusse, in dem heutigen Texas, eine neue Heimat gegründet, die durch die Natur von einer starken Schutzwehr, nämlich undurchdringlichen Sümpfen und Wäldern umgeben war, welche sie auch zugleich vor den Blicken von Freunden und Feinden verbargen. Nur Lafitte, der Seeräuber vom Golf, hatte sie ausgespürt und bald einen für beide Teile ergiebigen Handel eingeleitet; er erhielt von den Indianern Häute und Felle und versorgte diese dagegen mit den Annehmlichkeiten und Luxusartikeln einer höheren Zivilisation. Die Häuser in dem Oconeedorfe waren infolgedessen viel besser ausgestattet, als die gewöhnlichen indianischen Wohnungen; die Männer führten gute Feuerwaffen und die Frauen waren mit guten Kochgerätschaften und kostbaren Kleidern versehen. Tokeah, der keine Ahnung davon hatte, auf welche Art der Pirat diese Schätze erwarb, hatte dessen Werbung um die Hand der "weissen Rose" gern angenommen. Letztere verabscheute, wie leicht erklärlich, den Seeräuber, was sie Canondah, der Tochter des Häuptlings, anvertraute. Canondah, die ihrer Adoptivschwester alle schwere Arbeit abnahm, ist das Ideal einer jungen Indianerin, fröhlich, athletisch und fleissig. Sie kann ihr Kanoe ebenso gut rudern wie ein indianischer Jüngling, sie weiss mit ihrem Messer die schlaue Wasserschlange zu töten, sie ist wohlbewandert in allen Haushaltskünsten; sie besitzt die Geschicklichkeit eines Chirurgen und hat es in der hochgeschätzten Kunst des Destillierens von Branntwein zur Meisterschaft gebracht. Ihr Geliebter ist El Sol, der junge Häuptling der mächtigen Comanches und Pawnees. Er, der ihr das Leben gerettet hatte, als sie in die Hände eines feindlichen Stammes gefallen und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden war.
Als Canondah und die weisse Rose eines Tages über die Grenzen ihres Dorfes hinausgeschweift waren, hörten sie die Klagelaute einer menschlichen Stimme. Dem Schalle nachgehend, fanden sie einen Weissen, der von einem Alligator, welchen er für einen Baumstamm gehalten, als er aus seinem Kanoe heraustreten wollte, schwer verwundet worden war. Als er das Bewusstsein wiedererlangt hatte, erzählte er, dass er Seekadett auf Ihrer Majestät Schiff "The Thunderer" sei, welches gekommen war, die aufrührerischen Yankees zu unterwerfen. Im Golf angelangt, hatte er sich in ein kleines Boot begeben, um mit einigen Gefährten am Ufer Austern und Schildkröten zu fangen, sie wurden aber von dem feigen Seeräuber Lafitte überrascht und überwältigt, nur der Erzähler allein hatte das Glück gehabt, sich in einem kleinen Kanoe aus den Klauen des Piraten zu retten. Canondah jedoch, die dieser Erzählung wenig Glauben schenkte, hielt ihn für einen Spion und wollte ihn bis zur Ankunft der Krieger zurückhalten, welche sich auf ihrem halbjährigen Jagdausflug befanden. Doch liess sie sich von den Bitten ihrer sanften Gefährtin bewegen, den Briten nicht nur entkommen zu lassen, sondern ihm auch noch den Weg zum Sabinefluss zu zeigen. Dadurch machte sie sich des Hochverrats schuldig und ihre indianischen Schwestern zögerten nicht, sie dessen anzuklagen. Die weisse Rose, die einige Tropfen des heiligen Balsams des Miko (oder Häuptlings) auf die Wunden des Engländers gegossen hatte, um dadurch ihre sichere und schnellere Heilung zu veranlassen, hatte ebenfalls ein Hauptverbrechen begangen. Als die Krieger zurückkamen und Tokeah durch die Indianerfrauen von diesen Geschehnissen hörte, erhob er den Tomahawk, um seine Tochter zu töten. Als er aber erfuhr, dass der Weisse kein Yankee war, sondern im Gegenteil einer von der Nation mit den grossen Schiffen, die gekommen waren, um seine alten Feinde zu bekämpfen, wurde seine Wut etwas besänftigt und er gab sich mit der Verfolgung des Flüchtlings zufrieden. Dieser wurde rasch aufgefunden, weil er eben im Begriff war, in das Dorf zurückzukommen und sich zu ergeben, da er befürchtete, durch seine Flucht seine Wohltäterin in Gefahr gebracht zu haben. Tokeah traute der Erzählung des Seekadetten und erlaubte ihm, weiterzugehen. Doch hatte der letztere, ohne es zu wissen, ihm eine Mitteilung von der grössten Tragweite gemacht - nämlich die Thatsachen über Lafittes Charakter als Räuber und Mörder. Diese Aufklärungen wurden durch ähnliche Berichte, welche Tokeah von einigen weissen Ansiedlern, mit denen er auf seinem Jagdzuge zusammengetroffen war, über seinen Verbündeten erhielt, bestätigt.
Infolge dieser Ereignisse wurde Lafitte, als er das Dorf wieder besuchte, sehr kühl von seinen ehemaligen Freunden empfangen, und bekam seine Verlobte, die weisse Rose, gar nicht zu sehen. Er schwur Rache und in der Nacht, nachdem die Hochzeit Canondahs mit El Sol, dem Häuptling der Comanchees, gefeiert worden war und die Indianer alle ungewöhnlich viel Feuerwasser getrunken hatten, überfiel er mit seiner ganzen Bande von zusammengelaufenen Abenteurern aller Nationen das friedliche Dorf. Als er den Schlachtruf vernahm, stürzte El Sol, Canondah in den Armen, aus seiner Hütte, wo er sich einigen direkt auf sich gerichteten Flinten gegenüber sah. Die Schüsse, die ihm galten, durchbohrten das Herz seiner jungen Frau, welch so ihrem Geliebten das Leben rettete, wie er vorher das ihrige gerettet hatte. El Sol mit seinen in Kämpfen gegen die Mexikaner wohlgeschulten Comanchees überwältigte bald den Piraten und seine Spiessgesellen, während die Oconees den grössten Teil ihrer Leute durch zielloses Kämpfen verloren. Als die letzteren die Skalps der Gefangenen verlangten, wollten die Comanchees nicht zugeben, dass diese getötet würden, weil sie die Seelen soch niedriger, schlechter Menschen nicht für würdig hielten, ihre Wanderung zugleich mit der reinen Seele Canondahs und den Geistern ihrer tapferen Helden anzutreten. Tokeah, in dessen Charakter der Grundzug der eingefleischteste Hass gegen die Yankees war, hoffte, dass die Seeräuber jenen in Zukunft noch manchen Schaden zufügen möchten, und gab die Gefangenen frei. Allen seinen Erwartungen zum Spott fochten aber Lafitte und seine Bande in der Schlacht von New-Orleans auf Seiten der Amerikaner.
Der Seekadett, dessen Name James Hodges war, hatte mittlerweile seinen Weg nach Opelousas gefunden, wo er verhaftet und vor Squire, früher Kapitän Copeland, der als einflussreicher Pflanzer in dieser Gegend lebte, gebracht wurde. Copeland hatte auch den Titel Major empfangen, weil er eine Freiwilligenbrigade zur Verteidigung von New-Orleans gegen die Engländer zusammengebracht hatte. Diese führte er selbst den Mississippi hinunter ins Hauptquartier, wobei er den jungen Engländer mitnahm, dessen Halsstarrigkeit, die als Nationalfehler bei ihm anschaulich gemacht wird, Veranlassung zu einigen humoristischen Scenen giebt, aber auch Schuld ist, dass er beinahe als Spion aufgehängt wird. Alles jedoch wurde aufgeklärt, als Tokeah mit der weissen Rose ankam; und nachdem die Engländer bei New-Orleans geschlagen wurden, überwand der junge Mann sein Vorurteil gegen die Yankees, blieb im Lande und wurde der glückliche Gatte einer Tochter Copelands. Der Vater der weissen Rose wurde in der Person eines wohlhabenden Mexikaners gefunden, der sein Kind trotz des Widerstandes der Indianer, der Zivilisation zurückgewann. Tokeah macht in Begleitung von El Sol eine Reise nach dem Coosa-Fluss, besucht die Gräber seiner Väter und nimmt deren Gebeine mit nach dem Lande der untergehenden Sonne, der Heimat der tapferen Comanchees. Er stirbt, symbolisch für den Fall des roten Mannes östlich vom Mississippi, ehe er das gelobte Land erreicht, und El Sol bringt seine Überreste nach dem eigenen Lande, wo kein Bleichgesicht ihre Ruhe stören kann.
..."

Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.