MORTON ODER DIE GROSSE TOUR

"... Postl verband die Erinnerungen an Stephen Girard mit der interessanten Gestalt des Lomond aus Balzacscher Phantasie durch die Abenteuer des jungen Philadelphiers Morton, der nach einem mißglückten Handelsunternehmen und einem Selbstmordversuch durch den wackeren alten Obersten Isling, einen der deutschen Unabhängigskeitskämpfer, dem tätigen Leben wieder zugeführt und im Dienst der Weltplutokratie nach London und Paris geschickt wird. Als richtiger Jacksonianer macht Sealsfield auf die Gefahr aufmerksam, die beiden Hemisphären durch den internationalen Klüngel der Bankmänner drohte.
Von diesem Roman ist jedoch nur der erste und zweite Teil erschienen.
..."
"... Gegen die Veröffentlichung des dritten Teiles der "großen Tour" hat also wohl eine Stelle Einspruch erhoben, der sich der Verleger und der Verfasser unterordneten. Wahrscheinlich war es die Loge, der die Entlarvung der Weltplutokratie, mit der die Freimaurerei zur "Völkerbefreiung" zusammenarbeitet, unwillkommen war. Sie gebot Einhalt, und da Sealsfield mit seinem Lebensgeheimnis in ihrer Hand war, blieb ihm nichts übrig, als sich zu beugen. ..."

Eduard Castle:
Der große Unbekannte. Das Leben von Charles Sealsfield (Karl Postl).- Wien. München: Manutius Presse. 1952.

"... Im Jahr 1835 veröffentlicht Sealsfield ein Werk, welches die ungeheure Macht des Geldes über die Schicksale der Welt behandelt, nämlich: "Morton oder die grosse Tour", welches jedoch Torso geblieben ist. Morton, der Enkel eines der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, hat sein ganzes Vermögen auf eine einzige Karte gesetzt. Während er einer Vorstellung Richards in Philadelphia beiwohnt, sieht er eine Erscheinung, die nach Seemannsaberglauben ihm den Verlust seines Schiffes anzeigt. Morton eilt nach den Ufern des Delaware, aber ehe er seine Absicht, in den Fluss zu springen, ausführen kann, wird er von einigen Seeleuten zurückgehalten, die mit ihm den Verlust des prachtvollen Schooners "Mary" bejammern. Mittlerweile sind seine Freunde herbeigeeilt, welche den verzweifelten jungen Mann nach seiner Wohnung in Chestnut-Strasse tragen. Sein Entschluss, Selbstmord zu begehen, steht jedoch fest, und am nächsten Tag besteigt er sein Vollblutpferd "Cyrus" und reitet ohne zu halten, bis er den Susquehanna in der Nähe von Harrisburg erreicht. Dort, unter dem Gemurmel der um malerische Felsen schäumenden Wasser, die den Verlust des grossen Häuptlings und Volkes der Susquehanna zu beklagen scheinen, bereitet sich Morton zu dem tötlichen Sprunge vor. Da kommt eine Familie deutscher Bettler heran, die trotz ihrer Armut und Verworfenheit doch hartnäckig an ihrem bischen Leben und Hoffnung hängen und so den stolzen Abkömmling eines Vaters der Revolution beschämen. Dieser Gegensatz wird Morton durch Colonel Isling, einen wohlhabenden Gutsbesitzer, der auf dem Wege nach seiner pennsylvanischen Heimat an der Gruppe vorbeikommt, zum Bewusstsein gebracht. Der tapfere alte Colonel war ehemals hessischer Soldat, der die englische Fahne für die Sache der Freiheit verlassen hatte , und der, als er nun vernimmt, dass der leichtsinnige junge Mann ein Enkel Mortons, seines alten Waffengefährten ist, seine Anstrengungen verdoppelt, um in diesem neue Lebenslust zu erwecken. Nachdem unser Held in dem angenehmen Familienkreise der Islings das Süsse des menschlichen Daseins wieder gekostet hat, erhält er von dem Colonel einen Empfehlungsbrief an Girard. Colonel Isling erbietet sich auch, Mortons Schuld bei dem Bankier in Philadelphia zu übernehmen und ihm in Lousiana, wo die Morton`sche Familie noch ein grosses Stück unkultiviertes Land besitzt, als Pflanzer weiter zu helfen. Aber Girard, der für den unbesonnenen, aber kühnen jungen Spekulanten Zuneigung gefasst hat, kreuzt die Pläne des guten alten Deutschen und nimmt Morton in seinen eigenen Dienst. Das sechste Kapitel, in dem sich dies abspielt, welches "Das Levee des alten Stephy" oder "We are in a free Country" genannt wird, ist das fesselndste des ganzen Buches und enthält auch einige der glaubwürdigsten Anekdoten, die über den alten Kaufherrn in Umlauf sind, z.B. die Entlassung des ungehorsamen Seekapitäns, welcher Girards Verwandte aus der Gascogne gebracht hatte, die charakteristische Antwort auf die Bitte der Aristokratie von Philadelphia um Überlassung des Penn Square und die Vernichtung des schon ausgestellten Wechsels vor den Augen eines gierigen Geistlichen, der Geld für seine Kirche sammelt. Morton wird nach Paris und London geschickt, um den Einfluss der politischen Umwälzungen von 1827-30 auf den europäischen Geldmarkt im Interesse Girards und seiner Verbündeten zu beobachten. Er gewinnt durch seine schlaue Beobachtungsgabe das Vertrauen seiner Auftraggeber und wird in London in demselben Hause mit dem schrecklichen Lomond einlogiert, der eine Grossmacht in der Finanzwelt ist. Dieser Mann, obgleich er die wunderliche Laune hat, in einem obskuren Teil der Stadt zu wohnen, empfängt doch täglich den Besuch der höchsten Würdenträger des Königreiches und viele derselben, deren Extravaganzen sie in seine Hände gegeben haben, werden aufs tiefste gedemütigt. Er kennt keinen anderen Genuss im Leben, als den, sich an Stolz, Schönheit und Reichtum zu rächen, er ist ein Wurm, der an der Wurzel der Aristokratie und jeder bestehenden Einrichtung nagt. Wenn er seine Erfahrungen und Erlebnisse, in denen er die Rolle eines unerbittlichen Dämons spielt, zum Besten giebt, mag es dem Leser wohl wie Morton gehen, den "eine Gänsehaut nach der anderen" überläuft.
Lomond betet den Mammon wegen der Macht an, die er verleihen kann: "Geld ist Macht" ist sein Schlagwort. "Zehn sind wir, über die ganze Welt zerstreut und doch täglich, ja stündlich zusammen, durch keine Bande und doch wieder durch die innigsten Bande verschlungen, die des gemeinschaftlichen Interesses, das der Welt eine neue Gestalt geben soll, früher oder später geben wird, muss. In London sind wir fünf. Alle Wochen versammeln wir uns, vergleichen Noten und bestimmen den Gang der Weltverhältnisse. Die Mysterien der Finanzen dieses und aller Reiche und ihrer Existenz liegen klar vor unseren Augen. Kein Reich, keine Familie, kein Stand, der je mit uns in Berührung gekommen, ist unserem anatomischen Messer entgangen."
"Wir halten die Bildungsfäden der Existenz jedes Staates, jeder Familie, von der allerhöchsten bis zur niedrigsten, in unserer Hand. In unserer Vollmacht stehen Milliarden, stehen Staaten und Familien, Könige und Kaiser; es sind Noten wie im Buche des ewigen Richters. Der öffentliche Kredit und das häusliche Wohl, die Wohlfahrt der drei Königreiche und aller Reiche der zivilisierten, das heisst der schuldenden Welt, des Handels und des Wandels hängen von unserem Wink und Willen ab. Was ist die erbärmliche geheime Polizei des ganzen Kontinents gegen die unsere, die wir bezahlen, die Herren der Welt, denn das werden wir sein, früher oder später."
Früher schon hat Morton durch Girard folgendes gehört:
"Der Grosshändler ist eine souveräne Macht, in gewisser Beziehung so souverän wie der Monarch, der im Lande regiert. Es ist nicht das Land, das die Macht verleiht, es sind die Menschen, und der Grosshändler hat so gut seine Unterthanen, seine Regierungsbeamten, sein Reich, seine Allianzen, selbst seine heilige Allianz, wie die grossen Mächte Europas."
Und dann: "Wir kämpfen gegen die Aristokratie der Geburt, oder wir kämpfen für uns. Immer aber gewinnt die Menschheit dabei, denn aus dieser manus mortua der Aristokratie, dem toten Meere, in dem alle Flüsse und Fische sterben, zu gelangen, ist schon ein Gewinn für die Welt, mit dem sie einstweilen zufrieden sein kann."
Dieses sind die Ideale der Mammonanbeter, deren Handwerkszeug Morton geworden ist. Durch seine Verbindung mit Lomond schwingt er sich schnell zu einer beneidenswerten Stellung auf, junge Edelleute von höchstem Rang suchen seine Gesellschaft. Der Träger wichtiger politischer Sendungen seines Vaterlandes wird in ihm vermutet und die allgemeine Neugierde, auszufinden, welcher Art diese sein könnten, macht ihn nur noch bedeutender. Eines Abends werden wir von einem Palast zum anderen geschleppt und sind Zeuge von Gesellschaften der unübertrefflichsten Pracht: in einem dieser vornehmen Häuser aber, nach einer langen eintönigen Rede von dem, gleich seinen Zuhörern unter dem Einfluss des Champagners stehenden Morton, bricht die Erzählung plötzlich ab.
..."

Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.