SÜDEN UND NORDEN

"... Im Jahre 1842 erschien Sealsfields letzter Roman "Süden und Norden", Stuttgart, J. B. Metzler, 1842-43. Dieses Werk beschreibt eine Reise im südlichen Mexiko und ist eine befremdende Mischung von Dichtung und Wahrheit. Sealsfield selbst nennt es "das poetischste meiner Werke", aber sogar die besten Teile des Buches, die farbenreichen Bilder tropischer Scenerie, sind durch des Autors Effekthascherei gestört. Obgleich niemand dem Buche etwas eigentümlich fesselndes absprechen kann, so dürfen wir ihm doch im Vergleich zu einigen früheren Werken nur eine untergeordnete Stellung geben. Das Tagebuch, welches der Dichter während seiner Reise in Mexiko 1828 führte, dient diesem Roman als Grundlage; die Zeit der Handlung ist jedoch in das Jahr 1825 zurückverlegt, als das Land sich von den letzten überbleibenden Gachupins und deren Anhängern befreite, und eine Verfassung gleich der der Vereinigten Staaten annehmen wollte.
Eine Gesellschaft Amerikaner, die das südliche Mexiko, die sogenannte Schweiz von Amerika, kennen lernen wollen, kommen in den Staat Oaxaca, südlich von Pueblo; sie verlieren ihren Weg in den bergigen Gegenden von Mizteca und Tzapotecan und es begegnen ihnen die schauerlichsten Abenteuer. Die Reisenden sind ein Kentuckyer Namens Cockley, Gourney, ein junger Mann aus den Green Mountains im Staate Vermont, zwei amerikanische Kaufleute Whitely und Hardy und ein Deutscher, Herr Bohne, der zwar das Stichblatt für alle Witze, aber dennoch, seiner allgemeinen Kenntnisse halber, unentbehrlich ist. Hardy, unter dessen Namen sich der Schriftsteller selbst verbirgt, hat den halboffiziellen Auftrag, sich über die Zustände des Landes und seiner Bewohner zu belehren und ganz besonders über die Cochenille-Industrie Bericht zu erstatten, denn seitdem Spanien diesem aufgeweckten Volk die Kultur der Seidenraupe verboten hatte, pflegten sie die Cochenille-Industrie und hatten bald den ganzen Handel in ihre Hände gebracht. Auf Befehl des Gouverneurs hat unsere Gesellschaft eine Abteilung Soldaten mit auf den Weg bekommen, welche angeblich zu ihrem Schutz dienen sollen, allein, was den Reisenden natürlich verborgen bleibt, nur um einen einflussreichen und wohlhabenden Feind der Regierung, der wie ein Fürst auf seinen Besitzungen lebt, gefangen zu nehmen. Das Volk, das jedoch den Zweck der Soldaten durchschaut, misstraut natürlich den Amerikanern ebenso sehr, wie ihren Begleitern. Um die Schwierigkeiten noch zu vermehren, muss sich auch noch der Jüngling aus den grünen Bergen in Mariquita, die wunderschöne Tochter des reichen Don, der in eine Falle gelockt werden soll, verlieben. Die heimliche Ehe zwischen Mariquita und Gourney, welche die Verbindung zwischen Süden und Norden vorstellen soll, ist gegen die Gesetze des Landes, welche Ehen mit Ausländern und Andersgläubigen verbieten. Die ganze Gesellschaft ist nun in höchster Gefahr; durch Verrat werden sie in einen Mosquito-Sumpf gelockt, in welchem sie durch Menschen-Affen, die Zambos, überfallen werden und kaum sind sie aus diesem schrecklichen Ort gerettet, so kommen sie beinahe in einem Tornado ums Leben. In der Stadt Oaxaca angekommen, wird Mariquita von ihrem Vater aufgefunden und ins Kloster gesteckt, aber durch Gourney wieder daraus befreit. Die Reisenden bleiben in den Händen von Guerilla-Banden, bis sie mit Hilfe des amerikanischen Gesandten endlich in Vera-Cruz ankommen. Mariquita ist Gourney zur Küste gefolgt und da sie befürchtet, dass sie nicht mit ihm gehen dürfe, stürzt sie sich, als er im Begriff ist, abzufahren, ins Wasser. Sie wird jedoch gerettet und an Bord des Kriegsschiffes gebracht, auf welchem der junge Lieutenant Gourney nach den Vereinigten Staaten zurückkehrt. Das Schiff geht jedoch in einem Äquinoctialsturm im Golf mit den Liebenden, sowie allen anderen an Bord, zu Grunde. Hardys Schicksal ist günstiger, - er hat sich auf einen Kauffahrer begeben, der mit einer grossen Quantität Cochenille beladen ist, die er und andere gekauft haben und die ihm, als er an seinem Bestimmungsort angelangt ist, beim Verkauf einen schönen Gewinn abwirft.
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Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.