DER VIREY UND DIE ARISTOKRATEN

"... Von den Vorbildern Scotts unterscheidet sich Der Virey vor allem durch den aktuellen Gegenwartsbezug, der auch historische Persönlichkeiten des mexikanischen Unabhängigkeitskampfes berücksichtigte. Neben dem aristokratischen Grafen San Jago, der das ordnende Element einer liberalen Gesellschaft verkörpert, wird der Virey als Symbol spanischer Despotie gestellt. Neben aller epischen Weite und Exotik des Gegenstandes bietet der Roman doch eine deutlich fixierte Auseinandersetzung, die den europäischen Kampf des (böhmischen) Adels gegen den kaiserlichen Statthalter, Fürst Metternich, widerspiegelt und somit zu einer beispielhaften Erzählung über politische Machtkämpfe wird. ..."

Klaus W. Pietrek:
Charles Sealsfield (in) Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur. 3. Ergänzungslieferung. November 1989.- Meitingen: Corian-Verlag. 1988 ff.

"... "Der Virey und die Aristokraten" wird durch eine historische Skizze eingeleitet, welche einen kurzen Abriss der vergeblichen Rebellion des Mönches Hidalgo gegen die spanische Unterdrückung, und von dem Zustand des Landes bis zu 1812 giebt, in welchem Jahre die Handlung beginnt. Die Patrioten hatten sich unter der Anführung Morellos, welcher zur Zeit mit seiner täglich anwachsenden Armee in der Nähe von Mexiko lagert, wieder in neuer Stärke gesammelt. Durch ihre Einigkeit und durch strenge Disziplin waren sie bei weitem gefährlicher, als das kurze Zeit zuvor von Hidalgo angeführte Heer. Die Thatsache, dass sich verschiedene Rassen an diesem Kampfe beteiligten, machte ihn nur noch heftiger. Die Spanier oder Gachupins waren für Jahrhunderte die herrschende Rasse, weil sie vollständig im Besitz der Armee und aller einflussreichen und lohnenden Ämter waren. Die Kreolen, in Mexiko geborene Weisse, und Abkömmlinge der Spanier, waren wohlhabend, aber so durch die herrschenden Spanier im Zaume gehalten, dass ihre Macht zu ihrer grösseren Bevölkerungszahl in keinem Verhältnis stand. Unter diesen standen die Kasten, welche von verschiedenen Nationalitäten und niederem Mischvolk gebildet wurden. Sie wurden ihrer Abstammung wegen auch "gente irrazionale" genannt und bestanden aus Indianern, Mestizen (die Abkömmlinge eines weissen Vaters und einer indianischen Mutter), Zambos (halb Indianer und halb Neger), Mulatten, Quadronen u. s. w. Das war der Stoff, aus dem die patriotischen Streitkräfte zusammengesetzt waren.
Die Kreolen, welche fürchteten, dass einem Sieg der Patrioten die reine Anarchie folgen würde, hielten deshalb zu den Spaniern, von denen sie wussten, dass sie trotz ihrer Tyrannei doch immer Gesetz und Ordnung aufrecht erhielten. Durch den Beistand, den sie ihnen in dem letzten Aufstand geleistet, hatten die Kreolen einigen Einfluss in den Angelegenheiten Mexikos gewonnen, und wurden deshalb nur noch mit mehr Hass und Eifersucht von ihren Verbündeten bewacht. Die Handlung des Romans, die oft sehr schwer zu verfolgen ist, spielt sich, kurz zusammengefasst, etwa folgenderweise ab:
In der Hauptstadt von Mexiko, an einem Karnevalstag des Jahres 1812, wurden einige junge Kreolen, die zu den besten Familien des Landes gehörten, zufällig Zeugen einer dramatischen Vorstellung, welche die Privatbeschäftigungen und Vergnügungen von König Ferdinand VII. ins lächerliche zog. Für diese verräterische That wurden sie gefänglich eingezogen und zum Dienst in der spanischen Armee unter General Calleja verurteilt. Dieses Urteil wird ihnen bei einem grossen Empfang, den der Vizekönig Vanegas abhält, verkündigt und erregt unter den Kreolen, die darin eine Verletzung ihrer "fueros" oder Privilegien sehn, einen Sturm der Entrüstung. In dem Palast werden wir auch mit dem Kreolen Grafen San Jago bekannt gemacht, der durch Reichtum und Einfluss sowohl, als durch seine grosse Fähigkeit als Staatsmann in höchstem Ansehen bei den Patrioten steht und am Hofe des Vizekönigs eben dieser Eigenschaften wegen gefürchtet wird. Unter den Zuschauern des Pasquills befanden sich auch der Neffe des Grafen, Don Manuel und sein Adoptivsohn Don Carlos, und beide müssen natürlich das Schicksal der anderen teilen. Dieses Urteil kommt San Jago gar nicht ungelegen, denn er hofft, dass, wenn diese Kreolen in die Armee gesteckt werden, ihnen damit zugleich auch die Möglichkeit zum Aufsteigen in eine höhere Stellung darin geboten wird. Er sieht gut genug ein, dass die Kreolen in Unwissenheit gehalten wurden und noch ebensowenig befähigt sind, die Regierung zu übernehmen, wie die Indianer oder Kasten. Aus diesem Grunde ist er auch konservativ und will der Zeit erst Gelegenheit geben, seine Rasse zu erziehen, ehe der grosse Schritt zur Erlangung der Freiheit gethan wird. Der Graf erwirbt für Carlos ein Hauptmannspatent und würde gern für seinen Neffen dasselbe thun, allein Don Manuel, obgleich Kreole von Geburt, ist mit ganzem Herzen Spanier, und verachtet seine Rassegenossen. Er möchte gern nach Spanien um am Kampfe gegen Frankreich teilzunehmen. Es existierte früher eine Neigung zwischen ihm und der Tochter San Jagos, Elvira, allein diese war in letzter Zeit vollständig durch die hochfliegende Leidenschaft für Isabella, der Schwägerin der Vizekönigs, verdrängt worden. Die stolze Schönheit ermutigt den jungen Kreolen soviel, als es für die Zwecke Vanegas dienlich ist, welcher nur auf die Gelegenheit lauert, sich des Erben San Jagos zu entledigen, dessen reiche Hinterlassenschaft dann in die Hände der Regierung fallen würde. Manuel, blind gegen diese Ränke und nur den Einflüsterungen Donna Isabellas gehorchend, widersteht den Bitten seines Onkels und Elviras Thränen, und ist fest entschlossen, sich nach Spanien, das er für den Urquell aller Ritterlichkeit hält, zu begeben. San Jago, der seine Gründe wohl durchschaut, lässt ihn trotzdem mit einem, seinem Rang entsprechenden Gefolge nach der Küste aufbrechen. Seine Reise, der es nicht an Abenteuern gebricht, führt ihn durch die Reihen der gerade von den Spaniern angegriffenen Patrioten. Eine Abteilung von unbewaffneten Indianern soll gerade vor seinen Augen abgeschlachtet werden, da gewinnt sein jugendlicher und grossmütiger Geist die Herrschaft über seinen Verstand und er feuert auf die Spanier, seiner Leibwache, welche ihn vergeblich von der raschen That abzuhalten suchten, das gleiche gebietend. Durch diese unerwartete Hilfe ist die Schlacht bald zu Ungunsten der Angreifer entschieden, aber Don Manuel bereut bitter sein unüberlegtes und verräterisches Handeln. Da ihn der patriotische Befehlshaber Guerero nicht gefangen hält, kehrt er zurück und versucht eine Unterredung mit Isabells zu erlangen, um sich vor ihr zu rechtfertigen. Er wird jedoch entdeckt und in eines der schrecklichen Verliesse geworfen, die sich unter des Vizekönigs Palast befinden. Als Vanegas den Namen dieses wertvollen Gefangenen vernimmt, will er gern die Gelegenheit benutzen, ihn bei Seite zu schaffen, allein die allgemeine Beliebtheit, deren sich Graf Jago erfreut und die von seinem Neffen geteilt wird, gebietet dem Vizekönig und seinen Werkzeugen die grösste Vorsicht. Die Verhaftung von Cosmo Blanco, einem Bedienten Manuels, verhilft ihnen zu einem ausführbaren Plan. Manuel wird unter Cosmos Namen vor Gericht gestellt und der an seiner Rettung verzweifelnde junge Edelmann, der dem Namen gar keine Beachtung geschenkt hat, unter welchem er angeklagt worden ist, gesteht seine Schuld und bittet um rasche Bestrafung. Er wird zum Tode verurteilt und der Vizekönig hofft, jeder Verantwortung für das Verbrechen zu entgehen, indem er Unwissenheit über Don Manuels Identität mit Cosmo heuchelt. Inzwischen sind die spanischen Gerichtsdiener, die Manuel und Cosmo auf der Strasse verhaftet haben, ermordet worden, die ganze Bevölkerung der Stadt Mexiko nimmt eine so drohende Haltung an, dass die Mitglieder des Gerichtshofes anfangen, für ihre Sicherheit besorgt zu werden, sobald sie sich auf der Strasse zeigen müssen. Sie sind deshalb den dringenden Bitten Donna Isabellas, ihren Geliebten zu retten, um so weniger abgeneigt und verfallen auf folgenden Plan, um den Vizekönig zu täuschen. Als die Stunde herannaht, in der das Todesurteil an Manuel vollstreckt werden soll, vertauschen sie die Kleider des jungen Grafen mit denen seines unschuldigen Dieners und der letztere, dessen Verhaftung nicht registriert ist, wird an Stelle seines Herrn hingerichtet. In der Beschreibung dieser Scene werden uns alle Greuel spanischer Grausamkeit vor Augen geführt. Darnach wird Don Manuel durch unterirdische Gänge ins Freie gebracht. Anstatt Isabella, die von ihm Abschied nehmen will, zu danken, ruft er ihr "Verräterin" zu, und will sein Stilet ziehen, wird jedoch rasch ergriffen und in Freiheit gesetzt.
Nach diesem tritt Graf San Jago wieder handelnd auf, er hat eine Unterredung mit dem Vizekönig, der erst geneigt ist, die ganze Sache sehr willkürlich zu behandeln; doch der Graf zeigt eine so gefährliche Kenntnis seiner Geheimnisse, - unter anderen einige verräterische Unterhandlungen, welche derselbe mit Frankreich und mit englischen Kapitalisten geführt hat, und von denen er die Beweise besitzt, die, wie er dem Vizekönig versichert, sich ausserhalb des Landes in den sicheren Händen seiner Freunde befinden, und von ihnen sollte ihm etwas zustossen, sofort gebraucht würden, - so dass das Regierungshaupt vollständig matt gesetzt ist. Der Graf wünscht nicht Vanegas Absetzung; sein Verbleib in der Würde dünkt ihm günstiger für die Sache der mexikanischen Freiheit, als die Nachfolge von Calleja der einen grossen Anhang unter den Spaniern hat. San Jago bietet deshalb ein Bündnis unter seinen eigenen Bedingungen an, die ihm auch alle gewährt werden. Er erlangt für Don Manuel seinen Pass nach England und den Vereinigten Staaten, wo er für ihr beiderseitiges Interesse ausser Gefahr ist, und für den Grafen Carlos eine bedeutende Stellung in der Armee; den Kreolen wird die Erlaubnis erteilt, Versammlungen zu halten, wann und wo sie wollen, ohne erst die Bewilligung der Vizekönigs einzuholen. Als Gegenleistung verpflichtet sich der Graf, dem Vizekönig seinen Beistand zu leihen gegen Verbindungen, welche geschmiedet werden, ihn abzusetzen und an seiner Stelle Calleja zu erheben, der von den Mexikanern seiner Grausamkeit wegen gefürchtet wird. Es liesse sich für Vanegas ein einziger Ausweg finden, wenn er sich nicht den Bedingungen San Jagos fügen wollte, und dieser wäre, als Vizekönig zu Gunsten Callejas abzudanken. Der Plan, so den herrschsüchtigen Kreolen zu betrügen, wird von Donna Isabella in Vorschlag gebracht, aber ihr Schwager denkt nicht gross genug, um der spanischen Sache dies Opfer zu bringen.
So wird wieder eine kurze Friedenszeit für Mexiko gelangt. Die beste Regierungsform für sein Vaterland ist nach Ansicht des Grafen San Jago nicht eine Republik, sondern eine von der mächtigen Kreolenaristokratie unterstützte Monarchie. Die blosse Form bedingt nicht die Wohlfahrt und das Glück des Volkes, so wenig wie die Facade eines sonst wohlgebauten Hauses das Behagen seiner Bewohner bedingt. Wenn ein Volk nicht fähig ist, sich selbst zu regieren, so ist die Republik eine gefährliche Staatsform. Diese und ähnliche Thesen werden in den Schlusskapiteln des Buches besprochen.
..."

Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.